Netze des Krieges

Eröffnung
Mittwoch, 03.09.2008, 19 Uhr

Ausstellungsdauer
04.09. –  05.10.2008

Künstler/innen
Bureau d’études, Christoph Wachter & Mathias Jud, Institute for Applied Autonomy mit Trevor Paglen

Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Die aus der altgriechischen Philosophie stammende Aussage Heraklits er-hält im Zeitalter der Computernetzwerke neue Bedeutung. Enorme Investitionen in militärische Technologien und Forschung sind ein gewaltiger Motor des Fortschritts. Der Grundstein des heutigen Internet wurde 1960 im Auftrag der US-Luftwaffe als ARPANET entwickelt. Als World Wide Web revolutioniert es seit fünfzehn Jahren unser Leben.

Weltumspannende Netze, Serverfarmen, Tiefseekabel und Satelliten ermöglichen globale audiovisuelle Ech-tzeitkommunikation. Flugzeuge erlauben den Einsatz Schneller Eingreiftruppen innerhalb kurzer Zeit an jedem  beliebigen Ort der Welt. Das althergebrachte Bild der räumlich konzentrierten Schlacht stimmt nicht mehr: Der Krieg ist überall und nirgendwo. Die Verflechtung zeigt sich nicht nur in der zivilen Nutzung militärischer Technologien – auch umgekehrt: wenn SoldatInnen mit zivilen Airlines an ihre Einsatzorte gebracht werden, nicht registrierte Privatjets Terrorverdächtige in Geheimgefängnisse bringen oder private Armeen im Auftrag von Regierungen kämpfen.

Mit den Kommunikationsnetzen entwickeln die Gefechte eine neue Dimension. Der Kampf über die Infor-mationshoheit, der infowar, entflammt: Der Feldherrenhügel liegt nicht mehr am Rand des Schlachtfeldes, sondern in der Heimatzentrale, wo alle Informationen gebündelt und verarbeitet werden. Der Frontkämpfer orientiert sich nicht über das direkte Erlebnis, sondern anhand der Lageeinschätzungen und Kommandos aus dem Hauptquartier. Diese Informationen sind bereits zielgerichtete Simulationen, Darstellungen, Abbildungen und Auswertungen des brüchigen Konstrukts, das wir Wahrheit nennen.

Der infowar schreibt sich mit den Netzwerken auch in die Zivilgesellschaft ein und setzt sich an der Hei-matfront fort, denn über die Bereitschaft, den Krieg zu bezahlen und Opfer in Kauf zu nehmen, wird hier entschieden. Die öffentliche Meinung ist Ziel von Propaganda und Desinformation. 

Diese Ausstellung fragt nach aktuellen künstlerischen Strategien, die die Netzwerke des Krieges analysieren.

bureau d’études

Seit 1992 benutzt die Pariser Konzeptgruppe bureau détudes (Xavier Fourt und Leonore Bonaccini) piktografische Organigramme, um Netzwerke gegenwärtiger politischer, sozialer und ökonomischer Systeme zu visualisieren. Zahlreiche Kartografierungen sind seitdem zum Teil in Kooperation mit verschiedenen Gruppen und Personen wie dem Kulturtheoretiker und Journalisten Brian Holmes entstanden.
Wappenschildähnliche Formen verzeichnen z.B. in “The World Goverment” (2005) in kaum zu überblickenden Clustern Staaten, regulierende Organisationen, think tanks, Geheimdienste, Banken sowie Großkonzerne, die durch zahlreiche Linien miteinander in Verbindung stehen. Die Karten “The Bohemian Club” und “The Ring” (beide 2008) veranschaulichen Aktivitäten eines elitären Clubs in den USA. Jährlich treffen sich bei San Francisco PolitikerInnen, RegierungsbeamtInnen, Vorstandsvorsitzende und AkademikerInnen im Bohemian Grove. Zahlreiche Verbindungen zwischen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Autoritäten laufen hier (wo beispielsweise 1942 die Entscheidung für die Entwicklung der ersten Atombombe fiel) zusammen. Die Projekte autonomer Wissensproduktion des bureau détudes stellen in unspektakulärer Kompromisslosigkeit Zusammenhänge her, die normalerweise verborgen bleiben; und bieten Lehrstoff über eine andere, eine radikaldemokratische Aneignung des transnationalen Raums.

Christoph Wachter & Mathias Jud

Christoph Wachter und Mathias Jud untersuchen in ihrer Arbeit Zone*Interdite (franz.: verbotene bzw. militärische Zone) Wahrnehmungs- und Vorstellungshorizonte. Das Projekt resultiert aus einem Widerspruch: Militärische Gebiete dürfen nicht betreten werden und ihre Darstellung ist verboten. Dennoch tauchen in den Medien Abbildungen auf, die gezielt von Machthabenden wie auch von ihren KritikerInnen eingesetzt werden. Diese Bilder fordern ihren BetrachterInnen ein Bekenntnis ab: Freund oder Feind, Patriot oder Verräter? Ihre Bejahung impliziert Vergessen und Verdrängen. Zone*Interdite öffnet hinter diesem Bekenntnisreflex Ansätze zur Reflexion. Im Jahr 2000 begannen Wachter und Jud mittels eines Zettelkastens mit der Sammlung unterschiedlichster Materialien über verbotene Militäranlagen. Heute stellt die Internetplattform (www.zone-interdite.net) mit Chatapplikation, Wiki- und Screenshot-Funktionen ein detailreiches Archiv zur Verfügung, in dem UserInnen selbst neue Datensätze anlegen, Darstellungen verorten und verdichten können. Fragmentarische Einträge verlocken zu eigenen Entdeckungsreisen. Virtuelle Rekonstruktionen (sogenannte 3D-Walkthroughs) des Gefangenenlagers Guantanamo Bay, der Airbase Bagram in Afghanistan, des Camp Bucca im Irak und eines islamistischen Trainingscamps im Sudan erlauben Wanderungen durch die verbotenen Zonen, wobei die jeweilige Ansicht stets mit ihren Vorbildern abgeglichen werden kann. In der Ausstellung laden Workstations dazu ein, diese Tools zu nutzen und selbst individuelle Vorstellungen und Ausblendungen eigener Macht und Ohnmacht zu erkunden.

Institute for Applied Autonomy mit Trevor Paglen

Terminal Air des Institutes for Applied Autonomy wurde durch Gespräche mit dem experimentellen Geographen, Künstler und Autor des Buches Torture Taxi: On the Trail of the CIA’s Rendition Flights, Trevor Paglen, inspiriert. Es ist ein System zur Visualisierung der Bewegungen von Flugzeugen, die verdächtigt werden, im Extraordinary Rendition Program involviert zu sein. Dieses seit Mitte der 1990er betriebene außerordentliche Auslieferungsprogramm des Geheimdienstes CIA verschleppt im Westen verhaftete Terrorverdächtige an geheime Orte, wo sie verhört und gefoltert werden. Dieses Geheimprogramm nutzt geleaste Geräte und zivile Vertragspartner. Seine Flugzeugflotte landet auf militärischen und zivilen Flughäfen weltweit.
Basierend auf umfassenden Recherchen u.a. des Journalisten Stephen Grey, von Trevor Paglen und zahlreichen plane spotters (engl: Personen, die als Hobby Flugzeuge beobachten), stellt diese Installation ein CIA-Büro dar, mit dem – einer Reiseagentur ähnlich – ein komplexes Netzwerk privater Anbieter, Leasingfirmen und Mantelgesellschaften koordiniert werden könnte. Poster werben für private Firmen wie Premier Executive Transport Services, die dem Programm Ausrüstung und Personal zur Verfügung stellen. Am Bürocomputer können mit interaktiven Animationen Bewegungen von Flugzeugen seit 2001 (u.a. des als Guantanamo Bay Express berüchtigten Gulfstream IV) verfolgt werden. Scheinbar nebensächliche Details liefern weitere Informationen.

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