D21 Ausstellung: RASTER : BETON

[english version below]

Eröffnung: 16. Juni 2016, 19 Uhr
Dauer: 17. Juni – 31. Juli 2016
Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, 15 bis 19 Uhr

Künstler_innen: Anne-Valérie Gasc (FR), Margret Hoppe (DE), Laurent Kronental (FR), Andrea Pichl (DE), Ginan Seidl & Ray Peter Maletzki (DE)

Mehr Infos zur Ausstellung unter raster-beton.de

Hinweis: Im Rahmen des Festivals RASTER : BETON findet vom 24. bis 25. Juni 2016 das Symposium Grünau 40 – Von hier aus betrachtet" an verschiedenden Orten in Grünau statt.
Eine Anmeldung zum RASTER : BETON Symposium ist bis zum 10.06.2016 unter http://raster-beton.de/symposium/ möglich.

„Modern architecture died in St Louis, Missouri on July 15, 1972, at 3.32pm (or thereabouts)." Als im Jahr 1972 im US-amerikanischen St. Louis, Missouri, das soziale Wohnbauprojekt Pruitt-Igoe gesprengt wurde, erkannte der Architekturhistoriker Charles Jencks darin ein Symbol für das Scheitern der Moderne und ihrer architektonischen und stadtplanerischen Leitbilder. Die Sprengung des sozialen Wohnbauprojekts rund zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung wurde im Fernsehen übertragen und grub sich so ins kulturelle Gedächtnis der Bevölkerung. Vorbei waren die „heroischen Zeiten“ der Grands Ensembles in Frankreich und die Euphorie, die den Bau deutscher Großwohnsiedlungen, begleitet hatte. Die Realität schien den Idealismus und die Träume der Städtebauvisionäre überholt zu haben.

Die meisten Künstler_innen von RASTER : BETON waren 1972 noch nicht geboren. Sie verarbeiten in ihren Videos, Fotografien und Installationen eine Architektur, die so symbolhaft, politisierend und affektgeladen ist, wie kaum eine andere. Die Art und Weise, wie sie – in einer Art Rückschau nach vorn  – Großwohnsiedlungen und Plattenbauten inszenieren, ist Thema der Ausstellung. Gemeinsam ist ihnen das Fragen nach der sich in jener Architektur manifestierenden Utopie und ihrer Realitätstauglichkeit im Jetzt; den Ursprüngen einer internationalen Moderne und der heutigen Perspektive auf sie.

Anne-Valérie Gasc (FR)

Anne-Valérie Gasc dokumentiert die Zerstörung französischer Wohntürme und inszeniert die Gewalt gegenüber Architektur in einer beinahe kindlichen Euphorie. Ihre Crash Boxes sind signal-orange eingefärbte Traktorreifen, die in französischen Wohnhochhäusern deponiert werden, welche zur Sprengung bestimmt sind. Die darin befindliche Kamera zeichnet den gewaltvollen Akt gegenüber der nutzlos gewordenen Architektur auf und speichert ihn auf ihrer SD-Card. Anschließend werden die Crash Boxes aus den Trümmern geborgen und können, ähnlich einem Flugschreiber, von der Zerstörung berichten. Das Dokumentieren der Sprengungen erfolgt von innen, aus dem Gebäudebauch heraus – die Spiegelung einer berühmten historischen Zerstörungsdokumentation: Im Jahr 1972 wurde im US-amerikanischen St. Louis, Missouri, das soziale Wohnbauprojekt Pruitt-Igoe gesprengt. Der Vorgang wurde von Kameras aufgezeichnet, durch das Fernsehen verbreitet und dadurch einem Massenpublikum zugänglich gemacht.

Margret Hoppe (DE)

Margret Hoppe fotografiert Architektur in ihrer Benutzung. Ihre Fotografien der Unités d’Habitation von Le Corbusier in Marseille und Berlin zeigen, wie es sich in einer Architekturikone wohnt und wie sie altert. Farbige, polychrome Flächen, der Beton und klare, geometrische Formen sind Merkmale der Architektur, die in den Fotos herausgestellt werden. Die Darstellungen sind allerdings nicht perfekt, sondern zeigen auch Risse, Abnutzungsspuren, scheinbar Unpassendes, das jedoch letztlich Zeichen eines Aneignungsprozesses durch die Bewohner_innen ist. In seiner Ästhetik verweist die Fotografie dabei auch auf die malerischen und skulpturalen Elemente der Architektur. Gleichzeitig reflektiert sie die Theorien, die dem Gebäude zugrunde liegen und ihm eingeschrieben sind. Sie verweisen zurück auf die Ursprünge des industriellen Bauens: Als Vorbild moderner Wohnscheiben in Großtafelbauweise formulierte Le Corbusier eine neue Typologie in Architektur und Wohnphilosophie. Dabei griff er auf Vorbilder, wie etwa die Kollektivhäuser der russischen Avantgarde-Architekten zurück. Es sind Ideen, die in den großen Wohnkomplexen und Wohnmaschinen der DDR ihren Höhepunkt erlebten – im sozialen Anspruch, aber auch in der Rationalisierung der Bauweise und der ortsungebundenen Wiederholung der Gebäude.

Laurent Kronental (FR)

Seit fünf Jahren besucht und fotografiert Laurent Kronental französische Vororte. In der Serie „Souvenir d’un futur“ zeigt er großformatige Aufnahmen der Siedlungen, errichtet zur Zeit der Trentes Glorieuses, als auch Architektur und Städtebau in Frankreich einen Höhepunkt erlebten. Die Siedlungen an den Rändern der Städte waren Stein gewordene Utopien und sollten das Leben der Bewohner nachhaltig verbessern. Teilweise schon in der Erbauerzeit wurden die Großwohnsiedlungen als Symbol einer verfehlten Stadtplanung wahrgenommen. In Frankreich setzte sich der Begriff „Banlieue“ durch, was wörtlich übersetzt „Bannmeile“ bedeutet: Architektur wurde hier vom Verkünder eines modernen Morgens zum Stigma einer Gesellschaft umgedeutet.

Laurent Kronentals Bilder zeigen eine andere Perspektive: In frühmorgendlichen und surreal mystischem Licht sind sie so monumental und so großartig, wie sie auch von den Erbauern erträumt worden waren – was im merkwürdigen Gegensatz zum sozialen Gedanken ihrer Errichtung steht. Die Bauten sind Träger von Erinnerungen ihrer Bewohner, die Kronental portraitiert. Sie sind zur Zeit des Siedlungsbaus eingezogen und mit der Architektur gealtert. Teils in Nahaufnahmen, teils winzig klein auf Treppenabsätzen und Balkonen werden sie beinahe verschluckt vom großartigen Setting. Wie in einem Filmstill eingefroren vor dem Prospekt der Bauten scheinen auch sie sich an die Zeit einer möglichen Zukunft zu erinnern. Das urbane Narrativ einer Architektur für die Massen und die individuelle, persönliche Geschichte ihrer Bewohner_innen stellt Laurent Kronental einander gegenüber – die Architektur wird zum monumentalen Panorama in irrealer Atmosphäre.

Andrea Pichl (DE)

Die Installation „recurrere“ (lat. für zurückkommen, wiederkehren) widmet sich wiederkehrenden gleichen Formen, der Kultivierung des Seriellen und Repetitiven, der Vereinfachung und Homogenisierung – die Wiederholung wird wiederholt. Im Fokus stehen die Eigenheime in Montagebauweise aus Modulen der 16-geschossigen Punkthochhäuser (PH 16) von 1985 bis 1987 in Leipzig-Grünau, der fiktive Umbau von 1- bis 4-Raum-Wohnungen der Wohnungsbauserie WBS 70 in Mehrfamilienhäuser sowie Phänomene in Szczecin oder Potsdam – eingebunden in eine aktuelle IKEA-Serie.
Die architektonischen Modelle und Stadtpläne der klassischen Moderne und der Nachkriegsmoderne bilden die Referenzpunkte für die Kunst von Andrea Pichl. Ihre Forschungen umfassen öffentliche und private Räume in sozialistischen wie westeuropäischen Ländern. Dabei hinterfragt sie die modernistische Utopie, die ihren spezifischen Ausdruck in sozialistischen Stadt- und Siedlungsentwicklungen gefunden hat. Ihre Arbeiten fokussieren die imperfekten, dissonanten Architekturelemente, die dekorativen Details und Risse in der urbanen Struktur. Ihre Arbeit ist genau jenen Situationen im städtischen Raum gewidmet, in denen verschiedene architektonische und soziale Systeme kollidieren.

Dabei hinterfragt sie die modernistische Utopie, die ihren spezifischen Ausdruck in sozialistischen Stadt- und Siedlungsentwicklungen gefunden hat. Ihre Arbeiten fokussieren die imperfekten, dissonanten Architekturelemente, die dekorativen Details und Risse in der urbanen Struktur. Ihre Arbeit ist genau jenen Situationen im städtischen Raum gewidmet, in denen verschiedene architektonische und soziale Systeme kollidieren. „Ich bin nicht so sehr an der Utopie selbst interessiert, als vielmehr an ihren Mängeln“, beschreibt sie ihre Motive.

Ginan Seidl und Ray Peter Maletzki (DE)

„Stadt aus Silber“ von Ginan Seidl und Ray Peter Maletzki ist eine traumwandlerische Untersuchung des Stadtteils Silberhöhe. Fiktiv, stilisiert und abstrakt werfen die stark komponierten Bilder der Arbeiten ein anderes Bild auf das fast vergessene Plattenbauviertel. Die Videoinstallation zeigt ein ausschnitthaftes und atmosphärisches Portrait eines Plattenbauviertels, welches seine definierte Struktur verloren hat. Es ist eine poetische Annäherung an einen Ort, der ohne greifbare Gegenwart auskommt und sich zwischen einer ungewissen Zukunft und einer beladenen Vergangenheit befindet. Darin wird auch der Frage nachgegangen, wie Bewohner_innen ihren Wohnraum individualisieren. Zur Recherche für ihren Experimentalfilm „Silberhöhe“, mit dem Ginan Seidl ihr Studium an der Burg Giebichenstein (Halle) abschloss, bezog sie eine Wohnung in einem Plattenbau des Wohnungsbauserie (WBS) 70, in denen oftmals Platz für genau eine Kombinationsmöglichkeit aus Bett, Tisch, Stühlen und Wandschrank bestand. In einer surreal wirkenden Szenerie zeigt sie Praktiken der Aneignung dieser Räume und kombiniert diese Szenen mit fiktional-dokumentarischen Erkundungsgängen in einer der großen Stadtneuplanungen der DDR.

Dieses Element verwendet noch das alte Contao 2 SRC-Format. Haben Sie die Datenbank aktualisiert?

RASTER : BETON

Exhibition duration: 17 June - 31 July 2016
Opening: 16 June 2016, 7 pm

Opening hours: Friday to Sunday, at 3 pm to 7 pm
Place: D21 Kunstraum, Leipzig, Demmeringstraße 21, 04177 Leipzig

The representation of the French grands ensembles and East German large-scale residential structures in photography, video art and installations is the exhibition's theme. It is part of the festival RASTER : BETON which will take place in the D21 Kunstraum and Leipzig-Grünau. The urban narrative of an architectural type for the masses as opposed to individual, personal histories of the residents is the theme of photographer Laurent Kronental. Here the colossal architecture appears in a monumental panorama with mystical atmosphere. Ginan Seidl and Ray Peter Maletzki make the urban district Halle-Silberhöhe subject of an environmental exploration as well as the object of appropriation through living as a practice. The exterior of Le Corbusier's Unités d'Habitation in Berlin and Marseille is abstracted by Margret Hoppe as she focuses on the inherent values of their colours and materials. Andrea Pichl's art installation on Leipzig-Grünau, too, exposes material features along with fissures within the architectural structure. Anne-Valérie Gasc in contrast documents the destruction of French tower blocks as she stages violence towards architecture in an almost childlike euphoria. All projects appear against the background of a lingering question towards the utopian concept that manifests itself in this architecture, and whether it is suitable for the challenges of today; or the origins of an international modernity and our related contemporary perspective.

With works from: Anne-Valérie Gasc (F), Margret Hoppe (D), Laurent Kronental (F), Andrea Pichl (D), Ginan Seidl und Ray Peter Maletzki (D)

The exhibition is part of the RASTER : BETON festival.

From June 17th to July 31st, 2016, the festival RASTER : BETON takes place in Leipzig. Hosted by the D21 Kunstraum Leipzig, the festival focuses on large housing estates from the perspective of contemporary art. The Plattenbau district Leipzig-Grünau sets the scene. Beside Berlin-Marzahn and Halle-Neustadt Grünau was one of the largest of its kind in the former GDR and today still represents the largest housing estate in Saxony. RASTER : BETON consists of four elements: an exhibition, national and international artists working in Grünau, a symposium, and an accompanying framing programme.

The festival relates to Grünau’s 40th anniversary. Being the most recent and largest district in Leipzig it represents the »Platte« (slab) and a moving history of construction and deconstruction. On the occasion of the celebrations for the 40th anniversary of the foundation of Leipzig-Grünau, 2016 is the ideal moment to shine a light on the highly symbolic architectural style and cultural phenomenon »Plattenbau«.

»Each space takes time to become a place«, explained the German architect Oswalt Matthias Ungers. This statement can be applied both as an apology and a description of large housing estates worldwide. Using the example of Grünau the festival RASTER : BETON searches for insights on a worldwide phenomenon. These residential areas cannot only be contemplated as isolated issues; a comparative view promises to be more gainful than persisting on the local example: Utopias, ideals and present life realities of the large, planned communities ought to be examined in an international context. The architecture and the district, by its non-organic history, pose relevant questions: Which are the places of identification? Which are the places shaping and creating identities in non-organic, planned urban districts? How can these places be vitalized, communities established, and social and cultural practices encouraged? National and international artists will produce artistic stances on these issues. A leap from the close-up towards the macro perspective: Berlin-Marzahn, Munich-Neuperlach, Toulouse-La Mirail oder Moscow-Saburowo – Grünau is everywhere.

The festival consists of:

  1. An exhibition of contemporary art from Germany and France at D21 Art Space
  2. International artist residences in Leipzig–Grünau with: Bruit du Frigo, Folke Köbberling, Julischka Stengele, Daniel Theiler, zukunftsgeraeusche
  3. International symposium with: David Crowley (Royal College of Art, London), Annie Fourcaut (L'Université Paris 1 Sorbonne), Simone Hain (Universität Graz), Dieter Hassenpflug (Bauhaus-Universtität Weimar), Thomas Hoscislawski (Stadtplanungsamt Leipzig), Sigrun Kabisch (UFZ Leipzig), Juliana Pantzer (Amt für Stadterneuerung Leipzig), Stefan Rettich (Universität Kassel/ KARO* architekten), Ines Weizman (Bauhaus-Universität Weimar)
  4. Framework program, film series, city walk, and discussion at D21 Art Space and Leipzig–Grünau


More information: http://raster-beton.de

Zurück