D21 Austellung: »CODEX«


Helen Knowles, The Trial of Superdebthunterbot, Installation shot by Tim Bowditch, Zabludowicz Collection, 2017

Helen Knowles, The Trial of Superdebthunterbot, Installation shot by Tim Bowditch, Zabludowicz Collection, 2017

Vernissage: 08. Juni 2017, 19 Uhr, mit „A Vochel wo red“, einem Klangduett von Michael Barthel und Anna Schimkat

Ausstellungszeitraum: 09. Juni 2017 bis 16. Juli 2017

Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, jeweils 15 bis 19 Uhr

Künstler_innen: Libia Castro & Ólafur Ólafsson, Aslı Çavuşoğlu, Stefan Endewardt, Laura Horelli, Helen Knowles, Amalia Pica, Maruša Sagadin, Carey Young

Kuratorinnen: Lena Brüggemann, Lena von Geyso und Elisabeth Pichler

Termine:

Kuratorische Führungen: 11. Juni und 16. Juli 2017, jeweils 15 Uhr

Workshop: mit Elli Kuruş, 15. Juli 2017, 15 bis 17 Uhr (Anmeldung: anmeldung@d21-leipzig.de)

Filmvorführung: 26. Juni 2017, 19 Uhr, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Raum 2.41, Laura Horelli mit „Jokinen“ (Finnland 2016, 45‘), in Anwesenheit der Künstlerin.

Was ist der Unterschied zwischen einem Stoppschild und einer Tempohemmschwelle?

Die Ausstellung Codex befragt die Stabilität und Sprache von Recht und seinen Verträgen. Wie wird Recht praktiziert – ausgelegt, gesprochen, verhandelt, geltend gemacht und wechselseitig legitimiert? In welches Verhältnis setzen wir uns – und in welchem Verhältnis stehen wir – zu den Formen seiner Manifestation, Festschreibung, Materialisierung und Institutionalisierung?
 Durch die Überlagerung virtueller und physischer (Rechts-)Räume, durch fortschreitende wirtschaftliche Verflechtungen und Globalisierungsprozesse werden auch die Institutionen des Rechts, Formen der Legitimation und Gerichtsbarkeiten verschoben. Was bedeutet es, wenn das Rechtssubjekt durch Quasi-Objekte, Algorithmen und neue technologische Entwicklungen ersetzt wird? Welche Auswirkungen hat das auf unser Verständnis von Handlungs- und Rechtsfähigkeit?
Im Workshop von Elli Kuruş wird die Entkopplung des Rechts von traditionellen Legitmationsorganen am Beispiel der Technologie der Blockchain thematisiert, die Verträge herstellt und peer-to-peer beglaubigt, ohne staatliche Institutionen zu benötigen.

Stefan Endewardt, All is Text, Ausstellungsansicht: Mario Kreuzberg, 2017
Stefan Endewardt, All is Text, Ausstellungsansicht: Mario Kreuzberg, 2017

Amalia Pica (AR/GB) adressiert das grundlegende (und oft ignorierte) Recht und/oder Potenzial, die eigene Stimme zu erheben. In Constructed View treten Standpunkt, Perspektive und Horizont mit sprachlichem und visuellem Ausdruck in Beziehung.


The Jokinen Trial von Laura Horelli (FI/DE) führt die Akteur_innen eines 1931 in Harlem, New York, abgehaltenen Schauprozess der Kommunistischen Partei Amerikas gegen Rassismus, in einer fotografischen Installation zusammen. Die Erzählstimme der Künstlerin lässt die Migrationsgeschichte des Angeklagten August Jokinen wiederaufleben.


Gemeinsam mit der britischen Schriftstellerin und Philosophin Nina Power dekonstruieren Libia Castro & Ólafur Ólafsson (ES/IS) die "Universal Declaration of Human Rights". Anhand einer "Philosophie des Unrechts" ersetzen sie die "unverbindlichen Empfehlungen" der United Nations durch ihre Partial Declaration of Human Wrongs.


Im Januar 1985 verbot die Generaldirektion der türkischen Rundfunk- und Fernsehanstalt (TRT) kurzzeitig die Verwendung von 205 Wörtern im Fernsehen und Radiosendungen. Die Installation 191/205 besteht aus 191 dieser verbotenen Wörter aus TRT-Archiven und Zeitungen, die Aslı Çavuşoğlu (TR) vom deutsch-türkischen Rapper MC Fuat interpretieren lässt.

Helen Knowles (GB) verweist auf ethische und rechtliche Verantwortlichkeiten in Zeiten, in denen Rechtssubjekte durch Quasi-Objekte, Algorithmen und automatisierte Prozesse ersetzt werden. The Trial of Superdepthunterbot inszeniert einen Prozess, in dem die Frage verhandelt wird, ob ein Algorithmus schuldfähig ist und damit als rechtsfähiges Subjekt anerkannt werden soll.

Als Hybrid zwischen architektonischer Setzung, amorpher Struktur und Bedeutungsträger / Projektionsfläche eröffnen und besetzen die Skulpturen Tschumi Alumni von Maruša Sagadin (AT/SI) Räume der Architektur und der Verhandlung.

Die Lichtinstallation All is Text von Stefan Endewardt (DE) nimmt Bezug auf Kodifizierungen und (Un)sichtbarkeiten des urbanen Lebensraums. Im Licht und Schatten dieser architektonischen Intervention steht seine Arbeit Architects’ Data – eine neu codierte Version der Bauentwurfslehre Ernst Neuferts aus dem Jahr 1936.


Artistic License von Carey Young (US/UK) fordert die Besucher_innen beim Betreten der Ausstellung auf, ihre Fingerabdrücke abzugeben und eine Unterschrift zu leisten. In der Durchdringung ästhetischer und gesellschaftspolitischer Räume werden nationalstaatliche und sozial-symbolischen Grenzen befragt und die Gültigkeit von Verträgen im künstlerischer Kontext und darüber hinaus, verhandelt.

Rahmenprogramm:

A VOCHEL WO RED
Ein Klangduett von Michael Barthel und Anna Schimkat,
08. Juni 2017 ab 19:00 Uhr, Kunstraum D21

„A Vochel wo red“ ist eine Komposition, die sich mit der Tradition der Tierstimmenimitation am Beispiel von Vogelstimmen beschäftigt. Barthel und Schimkat greifen das akustische Gewebe der Naturgeräusche auf, versuchen in den riesigen Vorrat an Informationen einzudringen und abstrahieren ihn auf ihre eigene Weise mit Geräuschen, Stimmen und Flöten. Die Entschlüsselung und Kartografierung dieses Geflechts wird durch den Einsatz einer Texterkennungssoftware, die Klang in Schriftsprache übersetzt, ad absurdum geführt. Aus Feldaufnahmen (Truthähne, Hühner, Möwen) werden Lautgedichte, die im Liveauftritt als Duett gesprochen werden. Zusätzliche Klangquellen, wie manipulierte Schallplatten zur Erkennung von Vogelstimmen, Sampler, weitere Feldaufnahmen, verschiedene Flöten und Pfeifen und in Alltagssprache gerufene Worte bilden in an- und absteigenden Wellen die Biophonie aller Teile der Komposition, die sich im Raum ausbreitet.

www.recordingsforthesummer.de/barthel
www.annaschimkat.de

 

Laura Horelli: „Jokinen“ (Finnland 2016, 45‘)
Filmvorführung und Gespräch mit Laura Horelli 
26. Juni 2017, 19 Uhr, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Raum 2.41 
In Kooperation mit der Klasse Expanded Cinema

Im Jahr 1931 brachte der sogenannte Yokinen-Prozess, den die Kommunistische Partei der USA in Harlem, New York organisierte, den Finnen August Jokinen ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Jokinen, Hausmeister im Finnischen Arbeiterclub, wurde vorgeworfen, drei afroamerikanische Kommunisten während eines vom Club ausgerichteten Tanzabends nicht vor rassistischen Anfeindungen verteidigt zu haben. Nach seinem Schuldeingeständnis wandelte sich Jokinen zu einem Vorkämpfer für Bürgerrechte und trat in dieser Funktion öffentlich auf, bis er wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei verhaftet und nach Finnland ausgewiesen wurde. Laura Horelli erzählt Jokinens Migrationsgeschichte in einer Mischung aus historischer Recherche, Detektivgeschichte und Bastelstunde. Sie arrangiert ihre Archivfunde – Zeitungsartikel, Bücher, Fotos – auf einer Tischplatte, positioniert sie zueinander, unterstreicht, schneidet aus, deckt ab und malt aus. Die so entstehende ,analoge Desktop-Doku‘ folgt August Jokinens öffentlicher Erzählung bis in die Gegenwart – zu einer Mailboxnachricht auf einem russischen Mobiltelefon.
(Text: Berlinale Forum Expanded, 47. Berlinale Forum 2017)

www.laurahorelli.com

 

Kooperationspartner: Klasse Expanded Cinema

 

Taking a Stroll within the Blockchain – Performative Translations of Do-It-Yourself Governance

Workshop mit Elli Kuruş

15. Juli 2017, 15 bis 17 Uhr

Kann uns Technologie mit der Kraft austatten, uns eine Gesellschaft ohne Grenzen vorzustellen? Wie könnte ein Welt ohne Nationalstaaten funktionieren? In dem Workshop von Elli Kuruş wird die Entkopplung des Rechts von traditionellen Legitmationsorganen am Beispiel der Technologie der Blockchain thematisiert. Durch Blockchains können digital und peer-to-peer bindende Verträge abgeschlossen, ausgeführt und aufgezeichnet werden. Dadurch können sie Funktionen übernehmen, die bisher staatlichen Institutionen vorbehalten waren.

Der Workshop gibt einen Einblick in aktuelle Versuche, Autonomie und die Idee der Commons mittels Blockchain-Technologie wiederzugewinnen, und übersetzt die digitalen Funktionen der Blockchain in einen papierbasierten Prozess, in dem die Workshop-Teilnehmer_innen die Blockchain gemeinsam verkörpern.

Um Anmeldung unter anmeldung@d21-leipzig.de wird gebeten, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.

www.ellikurush.com/

Gefördert durch:

files/d21theme/image/foerderlogos/Kulturamt_Leipzig.jpgfiles/d21theme/image/foerderlogos/Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.jpg

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